Die Katze am Schwanz packen – Augmented-Reality-App-Lösungen im stationären Handel nutzen

Kaufprozesse verändern sich durch die neuen Technologien. Im Geschäft vor Ort bleibt derweilen noch vieles beim Alten. Unlängst durfte ich in einem Möbelgeschäft über ein Papierformular eine Kundenkarte beantragen. Vorweg bekam ich eine Papierkundenkarte, um den Zeitpunkt bis zum Postversand der Plastikkarte zu überbrücken. Da fragt man sich: Haben wir heute denn nicht mehr zu bieten?

Fangen wir aber von vorne an. In meinem neuen Büro fehlt noch ein passender Papierkorb. Die Anschaffung soll gut überlegt sein. Schließlich soll der Papierkorb zur allgemeinen Einrichtung passen und seinen Zweck optimal erfüllen. Zeit, um sich dem Thema mittels Online-Recherche anzunehmen. Welche Papierkörbe, die in Frage kommen, gibt es? Größe, Volumen, Form, Farbe, Design, Hersteller und Preis werden mit den eigenen Anforderungen verglichen. Einige Modelle springen ins Auge.

Die verschiedenen Onlineshops und –plattformen werden durchforstet. Bietet ein Anbieter möglicherweise das gleiche Produkt mit denselben Features zum günstigeren Preis oder in einem benutzerfreundlicheren Umfeld an? Auch die Kaufbestärkung, die uns früher der geschulte Verkäufer im persönlichen Gespräch zusichern konnte, darf nicht zu kurz kommen. Selbst im Falle des Papierkorbs kann sich ein kurzer Blick auf die Kundenbewertungen lohnen. Und wie wird der Papierkorb sich schlussendlich im Büro machen? Vor Ort im Geschäft sind wir an diesem Punkt gefordert, unsere Vorstellungskraft anhand des realen Objekts spielen zu lassen. Online gestaltet sich die Lage etwas schwieriger.

Zeig mir meine neue Welt bevor ich mich dafür entscheide

Wir wollen uns heute in fast jedem Bereich unseres Lebens sicher sein. Alles soll perfekt sein. Je größer die Veränderung, umso wichtiger ist der vorausgehende Prozess. Die Technik macht möglich, wovon viele geträumt haben. Mittels Smartphone oder Tablet und entsprechender App können wir das Nachher bereits vorher sehen. Virtuelles Probieren ist mit den zur Verfügung stehenden Technologien kein Problem mehr. Ein maßstabsgetreues 3-D-Modell des Papierkorbs und die Kamerasensoren des Smartphones oder Tablets reichen aus. Bei iOS reicht das Augmented-Reality-Kit ab iOS 11 aus. Ikea bietet aktuell mit der App Ikea Place an, Teile der Produktpalette – vom Papierkorb bis zur Couch – im gewünschten Umfeld zu testen.

Online-Probieren mit Augmented-Reality-App-Lösungen. Welche Alternativen gibt es für den Shop samt Center vor Ort?

Im Nu wird der Papierkorb maßstabsgetreu unter dem Schreibtisch platziert und die Passgenauigkeit überprüft. Ein wesentliches Credo bei App-Lösungen: Bequem und einfach zu bedienen müssen sie sein. Amazon hat auch eine App mit AR-Probierfunktionen entwickelt. Diese steht für Deutschland und Österreich derzeit noch nicht bereit. Fakt ist: Solche Apps können den Kaufentschluss von der Couch aus für zahlreiche Produkte beschleunigen. Der Produkt-Auswahlprozess, der vielerorts in realen Geschäften passiert, verlagert sich schrittweise in den virtuellen Raum. 

Funktionierende Shoppingwelten neu denken

Was passiert im Geschäft vor Ort? In Shoppingcentern und Shops per se nimmt die Unterhaltungslust des Kunden zu. Intensives Fühlen, Schmecken, Riechen – es sollen Sinne stimuliert werden, die die digitale Welt noch nicht erreicht – stehen im Mittelpunkt. Modeshows, Late-Night-Shopping-Events, Kinderbetreuung, Live-Acts, Restaurants, Cafès und Bars sind wesentliche Bestandteile von funktionierenden Shoppingwelten, weil reale (Kunden-)Beziehungen im Vordergrund stehen.

Warum nicht „die Katze am Schwanz packen“ und die virtuelle Welt samt Augmented-Reality-App-Lösungen genau für diesen Zweck nutzen? Mit der passenden App schafft der Shopmitarbeiter einen flüssigen Einstieg ins Kundengespräch. Sätze, wie „Kann ich Ihnen helfen“ verschwinden im Idealfall von der Bildfläche. Im Detail ist vieles denkbar. Beispielsweise kann ein virtueller Adventkalender in Geschäften oder Shoppingmalls bestückt werden. Der Kunde wird vor Ort in die virtuelle Welt entführt, hat aber immer die Möglichkeit, beim Shopmitarbeiter rückzufragen oder sich zu informieren. Generell eignet sich das Thema „Geschenkesuche“ hervorragend, um Kunden mit den angebotenen Produkten und einer Marke in Aktion bzw. Interaktion zu bringen und in ein Gespräch zu verwickeln. Wie wäre es denn, den Kunden in einem Geschäft bzw. in einer Filiale, die bloß mit einer Verkaufstheke und einem Tannenbaum bestückt ist, zu bitten, sich ein Geschenk auszusuchen?

Übrigens ist dabei nicht unerwähnt zu lassen: Spielerische Herangehensweisen (u.a. Gamification) eignen sich hervorragend, um Mitarbeitern und Menschen ganz generell digitale Kompetenzen – von Mensch zu Mensch – zu vermitteln. Dazu mehr in einem anderen Artikel.

Martina Sattler ist Inhaberin von der Beratungsagentur MMPR e.U. in Graz und bietet gemeinsam mit dem Softwareentwicklungsunternehmen Schoste.COM GmbH Augmented-Reality-App-Lösungen für den POS (Shops und Shopping-Center) an.